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Paata
Burchuladze, Boris Godunow, Paris 1997
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Paata Burchuladze
ist ein gefragter Sänger; bedingt durch kurzfristiges Einspringen
des Künstlers mußte der schon fixierte Gesprächstermin
gleich mehrmals verschoben werden. Und selbst als das Treffen endlich
stattfand, gab es noch einmal eine Änderung: Aus der kühlen
Büro-Atmosphäre einer Künstler-Vertretung verlegten
wir unser Gespräch kurzerhand in seine noble Wohnung - ein
grandioser Dachausbau dessen herrliche Räumlichkeiten der Hausherr
mit berechtigtem Stolz präsentiert. Das Arbeitszimmer, mit
Lauftrainer direkt gegenüber dem Klavier, hat dazu einen besonderen
Anziehungspunkt: eine Sammlung von Taktstöcken großer
Pultstars mit denen Paata Burchuladze zusammengearbeitet hat, darunter
Namen wie Herbert von Karajan, James Levine, Zubin Mehta, Claudio
Abbado und Riccardo Muti. Noch der Wohnungsführung wundert
es nicht, wenn der Bassist bei Kaffee und Kuchen erzählt, daß
der Sängerberuf gar nicht das erste Ziel seiner Ausbildung
war.
"Ich wollte eigentlich Bauingenieur werden
wie mein Vater. Das habe ich auch (im Polytechnikum meiner Heimatstadt
Tbilissi studiert. Gleichzeitig ging ich aber auch ins Konservatorium.
Meine Mutter hat mich sehr bestärkt, Sänger zu werden.
Sechs Jahre habe ich in Georgien studiert, dann war ich ein Jahr
in Moskau, danach drei Jahre in Mailand. Giulietto Simionoto und
Edoordo Mueller waren dort meine Lehrer. In meinem dritten Studienjahr
stand ich zum ersten Mal auf der Bühne als Mephistophele in
Gounods 'Faust', in einer Produktion der Hochschule in Tbilissi.
Dies war der Tag, als ich von einem Moment zum anderen Sänger
wurde: Glauben Sie mir, wenn man das erste Mal Applaus erhält,
dann will man niemals mehr die Bühne verlassen. "
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Wenn
man heute Paata Burchuladze in die Reihe der großen Bassisten
neben Sänger wie Fjodor Scholjapin oder Boris Christoff einreiht,
so ist das eigentlich ein Fehler.
1ch bin kein russischer Bassist, sondern ein georgischer; das ist
ein großer Unterschied, Früher gehörte alles zur
Sowjetunion, heute ist das anders. Ich bin stolz auf meine Nationalität,
und jeder sollte dies in irgendeiner Form sein. Im Grunde gibt es
keine schlechte Nation, nur gute oder schlechte Menschen. Das russische
Opernrepertoire gehört natürlich zum Großartigsten,
was je für Bassisten geschrieben wurde. Ich liebe diese Musik
über alles, insbesondere die Opern von Mussorgski; neben Verdi
ist das für mich das Größte."

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Paata
Burchuladze/Chowanschtschina/ Wiener Staatsoper
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Schon während seiner Ausbildung
trat Paata Burchuladze also solistisch am Opernhaus von Tbilissi
auf, absolvierte seine erwähnten Studien in Moskau und Mailand
in den Jahren 1977 bis 198 1 und ging aus dem Verdi-Wettbewerb von
Busseto 1981 und aus dem Tschaikowsky-Wettbewerb 1982 als Sieger
hervor. Im selben Jahr kam er zurück noch Tbilissi, wo Leporello
in Mozarts "Den Giovanni" und Mussorgskis "Boris
Godunow" seine ersten Partien waren, gefolgt von Basilio in
Rossinis "Barbiere di Siviglia" König Rene und Gremin
in den Tschaikowsky-Opern "Yolanthe" und "Eugen Onegin"
und wieder Mephistophele im Rahmen eines georgischen Gastspiels
am Moskauer Bolschoi- bester 1984 erregte Paata Burchuladze großes
Aufsehen als Leporello und Boris Godunow. Schon zuvor war die internationale
Opernwelt auf den jungen Sänger aufmerksom geworden.
"1983 hatte ich beim Lichfield Festival
in England den Baß-Part in Elgars Oratorium 'The Dream of
Gerontius' gesungen. Mein erster Agent hat mir damals ein Vorsingen
an der Covent Garden Opera vermittelt. Dort wurde ich sofort für
die nächstjährige Produktion von Aida engagiert. Das war
international gesehen - mein erster großer Erfolg: Ramfis
an der Seite von Luciano Pavarotti und Katia Ricciarelli unter der
Leitung von Zubin Mehta. Die ganze Opernweit kam zu diesen Aufführungen.
Es war ein Triumph. Damals begann meine eigentliche Karriere; von
da an verlief alles wunderber."
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Was sich hinter diesen schlichten Worten verbirgt, ist eine außerordentliche
Laufbahn, die Paata Burchuladze an die größten Opernbühnen,
zu den wichtigsten Festivals und in die bedeutendsten Konzertsäle
der Welt führte: zu Konzerten an der Academic di Santa Cecilia
in Rom (Mussorgskis "Salammbo"), zu weiteren Auftritten
noch Covent Garden (Verdis "Aida" Rossinis "Barbiere
di Seviglia" Mussorgskis "Boris Godunow", Borodins
`Fürst Igor"), an die Opernhäuser von Hamburg und
München, 1986 an die Mailänder Scala (Zaccaria in Verdis
"Nabucco" unter Riccardo Muti, Pagano in "I Lombardi",
Conte di Walter in "Luisa Maler'', Bonquo in "Macbeth"
Inquisitor in Prokofjews "Der feurige Engel") und an die
Wiener Staatsoper ("Boris Godunow", Conte di Walter, Basilio
in "Barbiere di Seviglia") 1987 noch Genua, Philadelphia
("Boris Godunow", "Mefistofele") und zu den
Salzburger Festspielen (Cornmendatore in Mozarts Don Giovanni"
unter Herbert von Karajan), 1988 zu den Bregenzer Festspielen (Silva
in Verdis "Ernani" ln diesem Jahr nahm er auch am Japan-Gastspiel
der Mailänder Scala teil und sang in Wien Mussorgskis "Chowanschtschina"
(unter Claudio Abbado). Diese Liste ließe sich beliebig lange
fortsetzen - mit Auftritten an der New Yorker Met, in München,
Lissabon, Boston, Stockholm, Paris, Bordeaux, Israel ...
War
es da für einen Sänger aus der ehemaligen Sowjetunion,
wo Oper in wesentlich traditionellerer Form gepflegt wird als in
unseren Breiten, nicht manchmal ein Schock zu erleben, wie hier
Produktionen über die Bühne gehen?
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Paata
Burchuladze |
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"Als ich während meiner Studienzeit
in Italien die Ljubimow-Produktion von 'Boris Godunow' und 'Chowanschtschina
erlebt habe, war dies wirklich ein Schock, so modern waren diese
Versionen. Boris Godunow habe ich dann selbst in aller Welt, in
Wien, New York, Paris, London, in der traditionellen Form gesungen,
bis ich in München mit Johannes Schaaf zusammengearbeitet habe.
Auch er wollte eine moderne Sichtweise und ich war natürlich
zu Beginn absolut dagegen; dann habe ich aber immer mehr gemerkt,
was diese moderne Version auszusagen im Stande ist. Es war dann
so aufregend, daß ich heute den Boris lieber in solch einer
Fassung singe. Aber ich bin absolut dagegen, so etwas am Moskauer
Bolschoi-Theater zu machen. Dort sollte die traditionelle Version
gespielt werden, genauso wie man an der Scala 'Don Carlo' 'Aida'
oder 'Nabucco' traditionell aufführen sollte. Es muß
einige Theater geben, die ihre Tradition bewahren und die großen
Opern ihres Landes in der herkömmlichen Fassung spielen. Andere
Häuser können auch Experimente wagen, aber alles muß
natürlich einen Sinn haben. Musik und Text müssen zusammenpassen,
jede Interpretationsidee muß durchdacht und sinnvoll sein;
sonst ist das Ergebnis lächerlich. Ich würde mich entschieden
wehren, so etwas mitzumachen; eine schlechte Produktion kann dem
Sänger alles verderben."
Die großen Baß-Partien
der russischen Oper hat Paata Burchuladze genauso interpretiert
wie die dramatischen Partien bei Verdi. Wo sieht er selbst die Schwerpunkte
seines Faches, und wie wird es in Zukunft eine Erweiterung erfahren?
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"Zu meinen besten Rollen zählen Filippo
in 'Don Carlo', Zaccaria in 'Nabucco', Attila' Boitos 'Mefistofele'
und zwei, drei Opern des russischen Repertoires wie 'Boris Godunow'
und 'Chowanschtschina'. Nach diesen großen Rollen bei Verdi
und Mussorgski habe ich jetzt auch Puccini gesungen. Diese Musik liebe
ich sehr, wenn auch die Baß-Partien eher klein sind. Timur in
'Turandot' zum Beispiel ist ein wichtiger Part. In der Arena di Verona
habe ich ihn gesungen, und auch beim Gastspiel der Arena in Japan.
Colline in La Boheme habe ich zum ersten Mai im März in Frankfurt
gemacht, wieder mit der Arena da Verona Davon ist auch eine CD erschienen.
Und gerade jetzt beginne ich mit Partien des deutschen Faches: Meinen
ersten Pizarro sang ich an meinem Geburtstag, dem 12. Februar in Barcelona
in einer konzertanten Aufführung. Sarastro in der 'Zauberflöte',
Osmin in der 'Entführung aus dem Serail' und Ochs im 'Rosenkavalier'
habe ich mir für die Zukunft vorgenommen - und das deutsche Lied:
Brahms, Schubert und Schumann. Am 22. Mai gab ich einen 'deutschen'
Liederabend in Paris."
Könnte sich der
Sänger für die Zukunft auch einen Lehrer Paata Burchuladze
vorstellen?
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Phillip/
Don Carlos |
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"lch habe, zum Beispiel in Spanien,
schon einige Meisterklassen gegeben; aber mit dem Unterrichten ist
das so eine Sache! Wenn man es wirklich ernsthaft betreiben will,
muß man Zeit für seine Schüler haben. In einer Woche
ist so etwas nicht getan: Man kann ihnen gerade demonstrieren, was
sie tun sollen, und verläßt sie auch schon. Das ist weder
seriös noch fair. Sicher, man kann dabei Tips und Anregungen
geben, aber um richtig zu unterrichten, muß man Zeit haben.
Man übernimmt schließlich Verantwortung für seine
Schüler, für ihr Leben und ihre Zukunft. Es gibt derzeit
viele gute und interessante Stimmen; aber vielen fehlt die Geduld,
ernsthaft zu studieren. Sofort Karriere zu machen, das geht nun
eben nicht. Sechs Jahre in Georgien, und später auch in Mailand,
hatte ich jeden Tag Unterricht. Man hat sich wirklich ernsthaft
um uns gekümmert."
In einer Zeit, in der Reisen
zu den gewöhnlichsten Alltäglichkeiten geworden ist, in
der viele Grenzen nur noch auf der Landkarte existieren, ist sicher
auch der Konkurrenzkompf viel größer geworden ...
"... es gibt so viele Theater, da braucht
man sich darüber nicht den Kopf zu zerbrechen. Das wichtigste
ist, daß man in Form ist, daß die Stimme in Ordnung
ist. Gerade mit vielen Kollegen aus dem BaßFach habe ich guten
Kontakt. Kurt Rydl ist ein wunderbarer Kollege oder Nicolai Ghiaurov:
Mit ihm bin ich sehr befreundet, er ist noch immer großartig,
eine wirkliche Persönlichkeit, und welch eine Stimme! Samuel
Ramey ist ein guter Freund, ein großartiger Sänger und
ein sehr sympathischer Mensch; ich bewundere ihn wirklich. Oder
Kurt Moll, man muß ihn einfach mögen!`
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Als einer der führenden Bassisten der
Opernwelt hat Paata Burchuladze natürlich auch an einer ganzen
Reihe von Operngesamtaufnahmen mitgewirkt, unter Dirigenten
ten wie Giuseppe Sinopoli (Padre Guardiano in "La forzo del destino")
Georg Solti (Fiesco in "Simon Boccenegra") Riccardo Muti
(Sparafucile in "Rigoletto"), Lorin Maazel (Ramfis in "Aida"
oder James Levine (Gremin in `Eugen Onegin") Welchen Stellenwert
haben heute CD-Einspielungen?
"Die Arbeit im Studio ist natürlich
etwas ganz anderes als ein Live-Auftritt. Im Studio kann man einfach
alles machen, kleine Stimmen klingen plötzlich voluminös,
wie es nie auf der Bühne möglich wäre; dadurch sind
diese Produkte nicht immer seriös. Notürlich sollten Stimmen
wie die von Pavarotti oder Domingo dokumentiert sein, damit auch
nachfolgende Generationen sich an diese großen Künstler
erinnern können, aber die Aufnahme kann nicht das Live-Erlebnis
ersetzen. Leute, die Oper lieben, müssen in die Theater kommen.
Dort findet das wahre Opernleben statt. Ein Video, direkt in einer
Vorstellung aufgenommen, kann das eigentliche Operngeschehen viel
wahrhaftiger festhalten. ClDs dagegen hoben mehr einen historisch
dokumentarischen Wert."
Eine derart ruhmreiche
Karriere und so viele glanzvolle Erfolge, bleiben da überhaupt
besondere Ereignisse in Erinnerung?
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I Lombardi |
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"Große Ereignisse - die Zusammentreffen
mit Luciano Pavorotti und Herbert von Karajan. Sie haben mir so
unglaublich viel geholfen. Denken Sie nur daran, was Dirigenten
oft an Worten verlieren, um ihre Absichten zu erklären! Von
Karajan dagegen sagte kaum etwas, er zeigte alles mit seinen Händen;
und man tat, was immer
er wollte. Er war großartig, vielleicht überhaupt der
größte Dirigent aller Zeiten. In seinem 'Don Giovanni'
sang ich den Commendatore und unter seiner Leitung das Mozort-Requiem,
das Bruckner-'Te Deum' und Verdis 'Messa da Requiem' - sein letztes
Konzert überhaupt. Auch sonst habe ich mit den größten
Dirigenten unserer Zeit zusammengearbeitet, nur mit einem nicht,
mit Carlos Kleiber. Es ergab sich leider nie die Gelegenheit, dabei
bewundere ich ihn und seine Arbeit über alles. Ich würde
mir sehr wünschen, unter seiner Leitung singen zu dürfen."
Einer der wenigen bisher unerfüllten Wünsche
in der Laufbahn von Paata Burchuladze ...
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Michael
Blees im Gespräch mit Paata Burchuladze/ Orpheus 11/1995
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